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Thursday, July 2, 2020

Ziel dieser kurzen Artikels ist die Kulturgebundenheit des Wahrnehmens zu erläutern sowie den Grundsatz „Wir nehmen nur wahr, was wir kennen- und umgekehrt“ in einem interkulturellem Kontext modifizierend darzustellen, in dem man ausgehend von eigenem Wissensvorrat auf ähnliches schließt, umdeutet, manipuliert und man diesen somit letztlich ordnend in das eigene Denksystem integriert.


„ Zur Kulturgebundenheit des Wahrnehmens“

Menschen befinden sich in einer Welt, in der sie von verschiedenen Reizen, äußeren Einflüssen konfrontiert sind. Dabei haben sie individuelle und kollektive Katalysatoren, die ihnen subjektiv ermöglichen, welche dieser Einflüsse für sie nützlich und welche zu ignorieren sind. Dieser Vorgang wird durch die Sinnesorgane und das zentrale Nervensystem gesteuert und daraus schließt sich das menschliche Verhalten.

Warum verschiedene Kulturangehörige verschieden wahrnehmen, hat mit den, über Jahrhunderte hinweg gewachsenen, gefestigten unterschiedlichen Erfahrungs– und Wahrnehmungshintergründen zu tun. Die Unterschiedlichkeit dieser Erfahrungs –und Wahrnehmungswelten erklären, warum in einem Kulturkreis ein Verhalten, Gegenstand als vollkommen „normal“, wiederum in anderem Kulturkreis vollkommen deplaziert, nicht plausibel und somit „anormal“ betrachtet wird.

Ursachen der divergierenden Wahrnehmungen von Menschen verschiedener Kulturkreise sind auf die natürliche Umwelt, Technologie,, Religionen, soziale Beziehungen, Werte, rechtlich politische Normen und auf die handelnden Individuen zurückzuführen. In diesem Kontext erscheint dem Verfasser Sinnvoll, ohne den Anspruch auf eine Allgemeingültigkeit dieser Beobachtungen zu erheben -da sie ausschließlich subjektiver Natur sind- ein Beispiel über die unterschiedliche Wahrnehmung der “Unsicherheitsvermeidung” im deutschen Alltag zwischen „Einheimischen“ und Menschen “südländischer Herkunft”, zu geben:

Dem Verfasser ist es des Öfteren aufgefallen, dass Menschen „deutscher Herkunft“ aufgrund ihrer höheren „Unsicherheitsvermeidung“ (Hofstede) und somit gründlicheren und genaueren Informationsbedarf an den Bank- und Bahnschaltern, mehr Zeit für die Beratungen in Anspruch nehmen, als die Menschen „südländischer Herkunft“. Meine ganz alltäglichen Beobachtungen des „deutschen Alltags“ stimmen mit den empirischen Befunden von Gert Hofstede -ein renommierter niederländische Kulturwissenschaftler- überein, in denen er dem deutschen Kulturkreis eine verhältnismäßig höhere Unsicherheitsvermeidung bzw. Risikoaversion bescheinigt.

Wir nehmen nur Wahr was wir kennen und umgekehrt“ zur Notwendigkeit einer Modifizierung dieser These:

Wenn wir nur von der Annahme ausgehen würden, dass „ wir nur wahrnehmen was wir kennen und- umgekehrt“, dann müsste zunächst Mal geklärt werden, wie wir zu unserem bereits existenten Wissen gelangt sind, welches unsere Wahrnehmung steuert. Prof. Dr. J. Bolten führt zur Klärung dieser Frage „abgesehen vom eingeborenem Wissen“ das nicht eindeutig beweisbar ist, folgende Erklärungen:

Im Rahmen unserer primären Sozialisation (Elternhaus), sekundären- und tertiäreren Sozialisation (Schule, Berufsleben etc.) bekommen wir „ explizite Erklärungen“ hinsichtlich des Wahrnehmbarem, die dann zum rückgreifbaren Bestandswissen abgespeichert werden.

Im Grunde genommen arbeiten wir jedoch nicht mit Expliziten Erklärungen, die uns mitgegeben sind, sondern anhand der Bildung von Analogien, nämlich vom „Bekannten auf Ähnliches“ und konstruieren einen Sinn.

In der Regel finden Umdeutungen statt, damit Gegenstände, das Gesehene, das Erlebte, Ideen, die Kommunikation (insbesondere Interkulturelle Kommunikation) ihre Funktion im neuen Kontext, unter neuen Umständen erfüllen.

Die Oben aufgeführten Thesen sind für das Verstehen von eigen -und fremdkulturellen Kommunikations- und Verständigungsprozesse von entscheidender Bedeutung. Dies zeigt uns, dass die Selektion sowie die Integration fremdkultureller Eigenschaften in die eigene Wahrnehmung partiell durch eigenkulturelle Sozialisationskontexte reguliert werden.

Unsere Wahrnehmung wie auch unser Wissen sind in diesem Sinne kulturspezifisch, weil sie sich naheliegender Weise auf diejenigen Erfahrungen beziehen, die für eine bestimmte Lebenswelt von primärer Bedeutung sind“

Das ist die Grundlage für die permanente Reproduktion und Aufrechthaltung von Vorurteilen und Stereotypen und hat eine „sinn- und ordnungsstiftende“ Funktion im Dschungel fremdkultureller Umwelt, da für vieles in einem fremdkulturellen Umgebung in unserem Erfahrungs- und Wissensvorrat keine entsprechende Erfahrungs- und Wissensvorräte bestehen, auf die wir zurückgreifen können. Die „Sinn- und Ordnungsfunktion“ von Vorurteilen und Stereotypen ermöglicht uns das Fremde und neue Erfahrungen umgedeutet, manipuliert und zu unserem Denksystem integriert werden.

Vielfältige Anpassungen- und Umdeutungen sind auch in der Wirtschaft und in der Werbung zu sehen. So findet man zum Beispiel in Deutschland und Frankreich für den „Renault Megane“ (1998) die gleichen Bilder und weitgehend identische ästhetische Darstellung des Produkts. Jedoch die Begleittexte für beide Länder sind von Grund aus umgeschrieben worden:

An die Stelle des persönlichen, subjektiven und erzählerischen französischen Werbetexts, der Lesern und potentiellen Kunden in eine Erlebnissituation mit dem Auto hineinzuversetzen sucht, tritt in der deutschen Version eine distanziert formulierte Werbebotschaft, die sich dezidiert objektiver gibt und stärker auf Informationen abhebt als der französische Originaltext.“

An dieser Stelle ist es zu erwähnen, dass die kognitiven und emotionalen Botschaften beinahe die gleichen sind. Die sprachlichen Umsetzungen und Assoziationsnetze sind jedoch sehr unterschiedlich und verweisen auf die Unterschiede der kulturellen Systeme, insbesondere der Kommunikationsstile und der kollektiven werte. Zur Veranschaulichung dieser Unterschiede jeweils ein Auszug aus den jeweiligen Texten:

Französische Fassung (Übersetzung, Originaltext)

Überschrift: Lignes Fluides, comme dessinees par la mer.

„ Die Küste entfernt sich, aber der Duft der Pinien folgt uns nach. Ich denke daran, wie vorhin die Megane Classic am Ufer Stand, vor dem großen Blau des Meeres; seine Größe, seine unaufdringlich stattliche Erscheinung, sein Zeitloses Design und vor allem der Wohl gestaltete hintere Teil, der in meinen Augen die wahren Limousinen auszeichnet“

Deutsche Fassung: (mit gleichen Bildern und gleicher Text-Bild-Disposition)

Überschrift: Das schöne Gefühl, sich von Formen leiten zu lassen.

Wer sich von klaren Formen leiten lässt, wer in der Verbindung von Styling und Funktionalität den Wahren Ausdruck der Design-Qualität erkennt, dem öffnet sich die Persönlichkeit des Megane Classic innen wie nach außen auf faszinierende Weise.“

Wie wir sehen, bestehen in der textlichen Darstellung in der Werbung für dasselbe Produkt erhebliche Unterschiede! Die Unterschiede sind jeweils auf die unterschiedliche sprachliche Umsetzung und auf die jeweils unterschiedlichen Assoziationsnetze zurückzuführen. Denn die Französische Version dieser Werbebotschaft assoziiert auf die geographischen und klimatischen Gegebenheiten des Landes wie z.B. Meer, Sonne, der Duft der Pinien sowie auf der tiefenstrukturellen Ebene (Conceptas) auf die katholische Glaubenslehre, in der Erlebnis nicht in dem Maße aus religiösen Gründen sanktioniert wird, wie in den Ländern, in denen die protestantische Glaubensrichtung und die protestantische Arbeitsethik dominieren, zu denen u.a. zum großen Teil auch Deutschland gehört.

Folgegemäß kann in der deutschen Version dieser Werbung nicht auf die geographischen und klimatischen Bedingungen verwiesen werden. Da erstens, -abgesehen von der Nordseeküste- keine Meeresküste existieren und die klimatischen Bedingungen (Kälte, Regen etc.) einen Ausflug auf die Nordseeküste nur beschränkt zulassen würden. Nach dem Kenntnisstand des Verfassers gibt es in Deutschland auch keine Pinienbäume. Insofern fehlen hierfür die notwendigen Assoziationsnetze, die der Werbung eine konkrete Vorstellung vom Erlebnis verleihen würden. Auf der tiefenstrukturellen Ebene wird aufgrund der protestantischen Glaubenslehre und Arbeitsethik, dem Erlebnis eine geringere Bedeutung beigemessen als im katholischen Frankreich. Insofern wird in dem deutschen Text dezidiert, distanziert, abstrakt, sachlich argumentiert und hauptsächlich auf die technischen Vorzüge, Funktionalität und auf die Qualität hingewiesen.

Fazit

Schluss betrachtend lässt sich feststellen, dass die Wahrnehmung primär kulturbedingt ist, und diese auf die unterschiedlichen Sozialisationskontexte zurückzuführen ist. Somit heißt es folgegemäß: „Wir nehmen nur Wahr, was wir kennen -und umgekehrt“. Dieser Grundsatz muss jedoch bei näherer Betrachtung modifiziert werden, da es nicht eindeutig zu beschreiben ist, wie wir zu unserem Wissensbestand gelangt sind. Da wir aber in der Regel nicht mit expliziten Erklärungen handeln bzw. arbeiten, gehen wir von eigenem Wissensvorrat aus, bilden Analogien und schließen auf Ähnliches. Somit deuten wir um, manipulieren und integrieren das Fremdkulturelle letztlich ordnend in das eigene Denksystem und konstruieren einen Sinn.

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